Weltschmerz der Privilegierten”

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Die Ber­ner Zei­tung besprach das aktu­el­le Album unse­rer Louf­me­ter-Band. King Pepes “Kar­ma: OK” ist ein Klein­od mit gros­ser Wir­kung, das mühe­los und ele­gant hin­reis­sen­de Tex­te mit tanz­ba­rer Elek­tro­ni­ka kom­bi­niert.

King Pepe Bild 1
King Pepe singt, Rico Bau­mann spielt.

Eine Hym­ne an die Mit­tel­mäs­sig­keit. Anders kann man das neue Album von King Pepe, auch bekannt als Simon Hari, nicht ver­ste­hen. Oder irgend­wie doch. Denn was die Mit­tel­mäs­sig­keit so super­mäs­sig macht, ist die­se Gelas­sen­heit, mit der King Pepe sie betreibt. Weil er weiss, dass auch der heiss ersehn­te Roadtrip ans Meer und ein Dro­gen­trip nur ein klei­ner Unter­bruch von Kon­trol­le und Ver­stand sind.

Fakt ist: «wyss, männ­lech, vier­z­gi, refor­miert, pri­vi­le­giert, eini­ger­mas­se fokus­siert», wie er in «Stand­ort­be­stim­mung» gleich selbst fest­stellt, «nid schwarz, nid jüdisch, nid schwul, nid arm, nid riich, nid wich­tig, nid ung­liebt». Lei­dens­druck gleich null. Will­kom­men im Schwei­zer Mit­tel­land, der Sound­track dazu heisst «Kar­ma: Ok». 

Und die Ent­ste­hung des­sel­ben muss man sich unge­fähr so vor­stel­len: Simon Hari und Musi­ker Rico Bau­mann haben sich in Haris Pri­vat­stu­dio zurück­ge­zo­gen, immer wie­der, über den Zeit­raum von zwei Jah­ren. Rum­ge­spielt.

Mit der Maus, dem Drum­com­pu­ter, den viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten, die Musik­pro­gram­me heu­te bie­ten: zum Bei­spiel ein biss­chen Hand­clap. «Musik aus lau­ter Nul­len und Ein­sen», wie der Pres­se­text ankün­digt. Dazu die gebro­che­ne, stets leicht hei­se­re Sprech­stim­me von Hari. Schön wäre anders, aber das war bei King Pepe schon immer so.

Hier beginnt die mit­tel­län­di­sche Mit­tel­mäs­sig­keit, der King Pepe nun gekonnt ein Schnipp­chen schlägt, indem er sie für sich ver­ein­nahmt. Das klingt dann nicht so ein­neh­mend weit­läu­fig wie bei Jeans for Jesus, es ist rump­li­ger, weni­ger prä­zis. Viel­leicht kann man dazu tan­zen, aber nur in einem ganz hip­pen Club in der Stadt, dort, wo die Mit­tel­mäs­sig­keit nie ein­keh­ren darf und doch laten­ter Gast ist.

«Kar­ma: Ok» klingt nach einem, der weiss, dass aus die­sem pri­vi­le­gier­ten Leben kein Aus­bruch mög­lich ist, «i bi überau gsi, i ha aues gseh, Güm­li­ge, Rubi­ge, Mün­si­ge, yeah, und e Bitz vo Büm­pliz», singt er in «Du bisch nid mau Schit», bevor er die­se Har­mo­nie doch nicht mehr aus­hält ­– und rebel­liert: «mi dünkt, i wett sofort öppis Schöns kaputt mache» («Öppis schöns kaputt mache»).

Es sind Tex­te, in die man sich ver­lie­ben kann. Dann, wenn man selbst die­sen Welt­schmerz emp­fin­det, der viel­leicht in «Ende der Geduld» am besten auf den Punkt gebracht ist. «I wir­de ghör­los, so viu Tön u Wort, u so viu Bild, i wir­de blind», heisst es da, ver­zwei­felt. Der ver­zwei­fel­te Schrei eines Pri­vi­le­gier­ten in der Wohl­stands­ge­sell­schaft. Und in all dem Welt­schmerz, der viel­leicht doch eher die Mit­tel­mäs­sig­keit beweint, fin­det sich dann eine Per­le, wie zufäl­lig, mit­ten­drin.

Der Song heisst «Lam­brus­co» und ist eine Hym­ne an die erste Jugend­lie­be. Und plötz­lich fühlt man sich wie­der jung, alles ist mög­lich, der erste Kuss, die Ner­vo­si­tät, Pes­ca Frizz und Lam­brus­co aus dem Tetra­pak. Der Refrain gräbt sich tief ins Ohr, «dä eint Song uf eim Ohr usem Walk­man­ra­dio». Man will dazu tan­zen, man fühlt sich gross­ar­tig, will nie mehr mit­tel­mäs­sig sein, und man ist es auch nicht mehr. Denn man ist jung.  (Mari­na Bolz­li, Ber­ner Zei­tung 2019)

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